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Nachrichten in Gebärdensprache

BESCHLUSSANTRAG.

Zwischen 6.500 und 7.000 Sprachen gibt es auf der Welt, diese Zahl findet man nach kurzer Recherche und sie gehört fast schon zum Allgemeinwissen. Eine unglaubliche Vielfalt der Verständigung – und dennoch ist die Liste nicht vollständig. Denn sie beinhaltet lediglich die gesprochenen Sprachen und lässt andere Arten, wie die Gebärdensprachen, außer Acht. Laut „Ethnologue: Languages of the World“, eine jährliche herausgebrachte Publikation, die mehr oder weniger die Standardreferenz für Statistiken zu den aktuellen Sprachen dieser Welt darstellt, kommen zu den gesprochenen Sprachen noch ca. 150 Gebärdensprachen hinzu. In der Realität sind es weitaus mehr. Denn bei den Gebärdensprachen sind regionale Färbungen und Dialekte überaus wichtig. Zudem sind – genauso wie die gesprochenen – auch Gebärdensprachen untereinander verwandt und weisen Ähnlichkeiten auf. Nur sind es nicht dieselben „Verwandtschaften“ wie bei den gesprochenen Sprachen. So weist die Amerikanische Gebärdensprache mehr Ähnlichkeiten mit der Französischen als mit der Britischen Gebärdensprache auf.

Auch gibt es nicht nur eine deutsche Gebärdensprache. In Österreich, Deutschland und der Schweiz gibt es eine jeweilige Landessprache, zu der noch etliche regionale Dialekte hinzukommen. In der Schweiz sind es fünf. Selbes gilt für Österreich und Deutschland. Die Deutsche Gebärdensprache (DGS) und die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) variieren stark.

Die ÖGS ist in Südtirol die offizielle Sprache der deutschsprachigen und ladinischen Gebärdensprachbenutzer:innen, wie unter anderem die Initiative für die Anerkennung der Gebärdensprachen in Südtirol und Italien (BimoLi) bestätigt. Dies zu wissen ist von überaus großer Wichtigkeit. Denn wird hierzulande in die bundesdeutsche Gebärdensprache verdolmetscht, werden viele der ansässigen deutschsprachigen Gehörlosen dies nicht gut verstehen.

Das wichtigste ist jedoch, dass die Gebärdensprache Anerkennung findet. Schließlich ist sie die Erstsprache von rund einer Million Menschen allein in Europa. Diese – wenn auch oft dürftige Anerkennung – war nicht immer gegeben und ist auch noch heute keine Selbstverständlichkeit. So ist Italien das letzte Land der EU, das die Gebärdensprache offiziell anerkannt hat. Was dazu führt, dass hunderttausende von Menschen alleine in Europa – bewusst oder unbewusst – oft ausgeschlossen blieben und bleiben. Dem kann nur auf eine Weise entgegengewirkt werden: Und zwar indem man die Gebärdensprache in vielen Bereichen des täglichen Lebens integriert. Dies erweist sich in der Praxis natürlich als schwierig, weil es längst nicht so viele Gebärdensprachdolmetscher:innen gibt, wie es geben könnte. Bei Arztvisiten, Behördengängen usw. ist man – und dies im allerbesten Fall – auf digitale Unterstützung angewiesen. Immerhin gibt es sie, wenn auch eine analoge Art der Hilfestellung oft wünschenswert wäre.

Am täglichen Leben teilzunehmen bedeutet aber unter anderem auch, Alltagsgeschehen und Nachrichten im eigenen Umfeld wahrnehmen zu können. Dies kann nur gewährleistet werden, indem gewisse Dienste regelmäßig in Gebärdensprache verdolmetscht werden. Zu diesen Diensten gehören natürlich auch die Fernsehnachrichten. Die allabendliche Tagesschau bzw. den TGR vollumfänglich verstehen zu können ist kein Luxus, sondern ein Recht, das jede:r Bürger:in ohne Wenn und Aber besitzen sollte. Hierfür reichen Untertitel nicht aus. Natürlich bieten sie eine Hilfestellung und sind von sehr großer Wichtigkeit, nicht nur für gehörlose sondern für schwerhörige und alte Menschen oder Personen mit Migrationshintergrund. Dieses Angebot ist im Sinne einer vollumfänglichen Inklusion unbedingt beizubehalten bzw. auszubauen. Untertitel sind also der „Mindeststandard“ – sie sind jedoch nicht dasselbe wie eine Übertragung in die jeweilige Gebärdensprache. Vergleichbar kann das in etwa mit einem Spielfilm sein, den eine hörende Person in einer ihr fremden Originalsprache, jedoch mit Untertiteln, konsumiert. Natürlich versteht sie die Geschehnisse. Das Erlebnis des Filmeschauens ist aber nicht zu vergleichen mit einer Version des Filmes in einer Sprache, der diese Person kundig ist. Auch wenn dieser Vergleich durchaus hinkt, so zeigt er doch eines: Jeder von uns hat eine, auch zwei oder mehrere Sprachen, die er oder sie bevorzugt verwendet und mit der er oder sie am besten und authentischsten aktiv und passiv kommunizieren kann. Für viele gehörlose Menschen ist dies die Gebärdensprache. Es wäre also höchst an der Zeit, zumindest einmal am Tag die wichtigsten Geschehnisse allen Bürger:innen dieses Landes in ihrer Erstsprache zur Verfügung zu stellen.

Daher beauftragt der Südtiroler Landtag die Landesregierung

  1. Die Nachrichtensendungen „Tagesschau“ und „TG regionale del Trentino Alto Adige“ auf den lokalen RAI-Sendern täglich in die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) bzw. in die Italienische Gebärdensprache (LIS) verdolmetschen zu lassen.
  2. Die Untertitelung für die lokalen Fernsehprogramme (RAI und ORF) auszubauen und diese für alle Sendungen zur Verfügung zu stellen.

Bozen, 16.09.2021

 

Landtagsabgeordnete

Brigitte Foppa

Riccardo Dello Sbarba

Hanspeter Staffler

 

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Author: Heidi

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