HomeLandtagsarbeitBeschlussanträgeLehrer:innen brauchen finanzielle und berufliche Wertschätzung

Lehrer:innen brauchen finanzielle und berufliche Wertschätzung

BESCHLUSSANTRAG.

Petitionen, kritische Medienartikel oder auch geharnischte Kommentare in Leserforen beschreiben den Zustand der Südtiroler Bildungswelt. Frust und Erschöpfung der Lehrkräfte aller Schulstufen würden dramatisch zunehmen. Altgediente Lehrer:innen würden aus Protest Pensionsfeiern verweigern, junge Lehrpersonen schauten sich immer häufiger in Österreich oder in der Schweiz nach passenden Arbeitsstellen um. In Südtirol kämen immer mehr Maturant:innen zum Einsatz, weil Pädagoginnen und Pädagogen der Schulwelt den Rücken kehren und große Lücken hinterlassen. Zustände wie in den Siebzigerjahren, wo es in Südtirol an allen Ecken und Enden an Lehrpersonal fehlte.

Im Herbst 2021 hat das ASTAT[1] über die Entlohnungen im öffentlichen Dienst informiert und dabei den Fokus auf die Schulen gelegt. Im Zeitraum zwischen 2014 und 2019 haben die öffentlich Bediensteten der Schulen einen Reallohnverlust von 2,5 Prozent hinnehmen müssen.

Dies ist extrem schmerzhaft für die Lehrer:innen, welche bereits ein niedriges Jahresbruttoeinkommen im Vergleich zu anderen öffentlichen Tätigkeiten haben. Verliert ein niedriges Einkommen auch noch an Kaufkraft, dann trifft das die Betroffenen besonders hart.

Die Empörung über die mangelnde Wertschätzung ist in der Lehrerschaft groß, darauf deuten nicht nur Medienberichte und Aussagen von Gewerkschafter:innnen hin.

Damoklesschwert Pensionierungswelle

Die Schulen werden von der anrollenden Pensionierungswelle besonders schwer getroffen. Die Babyboomer-Jahrgänge aus den Sechzigerjahren treten bald in den Ruhestand. Die freien Stellen sollten idealerweise von in den Neunzigerjahren Geborenen besetzt werden, was rein rechnerisch schwierig ist.

Kamen in den Sechzigern noch 9000 Personen pro Jahr auf die Welt, waren es in den Neunzigerjahren nur mehr 5000. Da heutzutage Vollbeschäftigung herrscht, kann folglich nur mehr jede zweite freie Stelle nachbesetzt werden. Das heißt in anderen Worten, Arbeitssuchende können unter mehreren Angeboten auswählen. Die Logik der Vergangenheit, dass Arbeitgeber:innen Arbeitnehmer:innen aussuchen wird auf den Kopf gestellt: Arbeitnehmer:innen suchen sich zukünftig Arbeitgeber:in aus.

Es entsteht also Wettbewerb um die besten Köpfe und um die attraktivsten Stellen. Die Attraktivität einer Arbeitsstelle wird mittlerweile über ein gutes Einkommen und über Faktoren wie Arbeitsklima, flexible Arbeitszeitmodell, Freizeit und Smart Working definiert. Jene, die das beste Gesamtangebot haben, machen das Rennen um die Arbeitskraft. Ob die Schulen dabei mithalten können, ist unter den zurzeit herrschenden Rahmenbedingungen mehr als fraglich.

Gegensteuern ist angesagt

Was ist aber zu tun? Es bräuchte dringend ein Finanzierungspaket, um die Gehälter der Lehrer:innen auf ein gutes Niveau zu bringen. Mittelfristig wäre das Lohnniveau um mindestens 30 Prozent anzuheben, um nur einigermaßen mit anderen Sektoren und mit den benachbarten deutschsprachigen Regionen mithalten zu können.

Und zweitens bräuchte es flankierende Maßnahmen an den Schulen. Wie kann es gelingen, Lehrer:innen an den Schulen zu halten? Dafür braucht es kreative Lösungen, die von Schule zu Schule auch unterschiedlich ausfallen können. Gewerkschaften und Schulführungskräfte sind dabei besonders gefordert. Bereits eine leichte Streckung der Pensionswelle, könnte dem Bildungssektor helfen.

Die Gefahr des Bildungsnotstandes wird zwar gesehen, aber die Bildungspolitik wirkt erstarrt. Dabei gilt es rasch zu handeln. Eine mutige Bildungsinitiative bestehend aus einem Finanzierungspaket und neuen organisatorischen Ansätzen wie Age Management, moderne Arbeitszeitmodelle oder Smart Working sind zu lancieren. Dafür müsste die üppige Investitionsquote des Landeshaushaltes um ein paar Prozentpunkte gesenkt werden. Nur so kann der drohende Bildungsnotstand abgemildert werden.

Bildungs-Finanzierung im internationalen Vergleich

Damit es eine Vorstellung gibt, wie das Südtiroler Bildungsetat im internationalen Vergleich dasteht, benötigt es vergleichbare Zahlen. Politische Vertreter:innen der Mehrheit berufen sich immer wieder auf den außerordentlich hohen Anteil der Bildungsausgaben am Landeshaushalt und wollen damit beweisen, dass niemand so viel Geld für Bildung ausgeben würde wie Südtirol.

Die Bildungsausgaben bezogen auf den Landeshaushalt sind aber mit anderen Ländern nicht oder nur schwer vergleichbar, weil mit Ausnahme von Luxemburg die Bildungsausgaben der meisten Länder in den Haushalten von Bund, Land und Gemeinden abgebildet sind. Nur in Südtirol gibt es auf Landesebene einen klaren Zusammenhang zwischen Bildungsetat und Landeshaushalt.

Aus diesem Grund wäre es sinnvoll, die Bildungsausgaben pro Einwohner als geeignete Vergleichswerte zu ermitteln.

Südtirols Bildungsausgaben liegen im oder unter dem internationalen Durchschnitt der OECD-Staaten. Bezogen auf die italienischen Bildungsausgaben pro Einwohner steht Südtirol gut da, bezogen auf die Länder wie Belgien, Dänemark oder Schweden ziemlich schlecht. Im Vergleich mit der Schweiz liegt Südtirol weit abgeschlagen.

Bildungsexpert:innen beklagen immer öfters den Bildungsnotstand, die finanzielle Schieflage, die außerordentlich hohe Belastung und die mangelnde Wertschätzung der Lehrkräfte. Um den Lehrer:innenberuf attraktiver zu gestalten, braucht es dringend ein umfangreiches Maßnahmenpaket.

Daher beauftragt der Südtiroler Landtag die Landesregierung

  1. Eine vergleichende Studie der Bildungsausgaben der OECD-Staaten erstellen zu lassen mit dem Ziel, strukturelle und finanzielle Schwachpunkte des Südtiroler Bildungssystems herauszuarbeiten.
  2. Im Rahmen von Kollektivvertagsverhandlungen für das unterrichtende Personal aller Schulstufen finanzielle Pakete zu schnüren, welche mittelfristig eine substantielle Anhebung der realen Gehälter gewährleisten.
  3. Im Rahmen von Kollektivvertragsverhandlungen für das unterrichtende Personal aller Schulstufen flankierende Maßnahmen wie beispielsweise Age Management, alternative Arbeitszeitmodelle, Resilienzprogramme oder andere unterstützende und wertschätzende Projekte zu konzipieren.

Bozen, 15.06.2022

Landtagsabgeordnete

Hanspeter Staffler

Brigitte Foppa

Riccardo Dello Sbarba

[1] ASTATinfo Nr. 54/09/2021

Bleifreie Jagd: Rett
KEINE KOMMENTARE

KOMMENTAR SCHREIBEN