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Portafoglio pieno, ma prosperità lontana?

Intervento di Brigitte Foppa sul bilancio provinciale.

Der World Happiness Report 2025 startet mit der Erzählung über eine Brieftasche. Ich werde das am Ende noch erzählen.

In dieser Haushaltsrede möchte ich mich mit dem Wohlstand in Südtirol befassen.
Wir sind ein außerordentlich wohl-habendes Land.
Das heißt, wir haben viel Geld in unserer Brieftasche.

Fast 9 Milliarden stehen im Landeshaushalt 2026 zur Verfügung. Das ist eine Unmenge Geld, sicher jenseits des Vorstellbaren für die einzelne Person. Wir können uns mit anderen Ländern vergleichen (und da stehen wir im Verhältnis zu den Einwohnerzahlen immer außerordentlich gut da, wenn auch nie eine echte Vergleichbarkeit gegeben ist… niemand hat im genau selben Ausmaß die selben Zuständigkeiten).
Wir können uns aber auch mit uns selbst vergleichen.
Mit unserer Vergangenheit (der Landeshaushalt und die parallel verlaufende Wirtschaftsleistung sind stets gewachsen), aber auch mit unserer Gegenwart.

Diese Aufgabe stelle ich mir in dieser Haushaltsrede am Ende des Jahres 2025.

Man hat mir gesagt, ich solle nicht zu kritisch sein. Das sagen mir meistens die Bürgerinnen. Viele von ihnen wünschen sich eine harmonische und kooperative Landespolitik.
Man hat mir aber auch gesagt, ich solle sehr kritisch sein. Das sagen mir meist die Journalisten, die über die Reden im Haushalt berichten, und die sich eine kräftige Polarisierung wünschen.

Ich komme also zurück, auf den Auftrag, den uns Rosa Luxemburg gegeben hat – und ich sage, was ist. Ausgehend, wie immer, von den Fragen:

Wie stehen wir heute in der Welt?

Und, angesichts dieses neuen Rekordhaushalts: Wie gut geht es uns?

Gehen wir von den Zahlen aus, und rechnen wir die 9 Milliarden auf die einzelne Bürgerin, den einzelnen Bürger herunter. Das macht ca. 1.350 Euro pro Mensch und Monat aus. Damit wird das Ausmaß unseres Landeshaushalts noch unfassbarer. 1.350 Euro pro Monat, das wäre für viele ein zweites Gehalt.
Allemal ist es ein Grundeinkommen (beim bedingungslosen Grundeinkommen geht man etwa von 1.000 Euro pro Monat aus).
Wenn man diesen Betrag nicht umverteilen, sondern direkt auszahlen würde, dann gäbe es wohl vordergründig viel Wohlstand im Land, werden viele denken.
Wir haben aber ein anderes System, und so können wir die 1.350 Euro, die für jeden von uns monatlich öffentlich ausgegeben werden, als einen großen Solidaritätstopf sehen. Wir werfen alles zusammen und zahlen damit unser Sanitäts-, Bildungs- und Sozialsystem, die Straßen und Züge, die Wohnungen für die Bedürftigen und die Verwaltung, die diese ganze Umverteilung organisiert.

Vielleicht kann man ja wieder einmal das ganz Elementare eines öffentlichen Haushalts sagen.

Dann sehen wir zum Beispiel, dass von diesen 1.350 Euro ca. 300 in das Gesundheitswesen gehen. Das habe ich in den letzten Jahren sicher nicht gebraucht, aber es wird der Moment kommen, wo die ca. 200.000 Euro, die in meinem hypothetischen 85-jährigem Leben für mich und meine Gesundheit eingesetzt werden, sicher aufgebraucht sein werden.

200 Euro in Bildung. 13 Jahre Schulbildung plus Kindergarten, das kostet eine Menge Geld (38.000 Euro), und für jedes unserer Kinder steht es zur Verfügung.

Wir können es aber auch umdrehen auf die Einnahmensseite. Denn es sind ja auch 1.350 Euro, die jeder von uns für den Landeshaushalt spendiert (plus 10% für den Staat, gemäß dem Abkommen, das 90% der Steuereinnahmen im Lande behält).  Das bedeutet eine hohe Abgabe an das Allgemeinwohl und an den schon genannten Solidartopf.

Mit dieser Spese hat sich Südtirol zu einem Wohlstandsland erster Güte in Europa entwickelt. Mit einem BIP pro Kopf von 62.000 Euro stehen wir ganz vorne (als ich das letzte Mal nachgeschlagen habe, waren es noch 33.000 Euro). Eine wesentliche Frage aber bleibt offen: wenn wir so viel verdienen, dass wir einen derart einen großen Haushalt generieren, wie kann es dann sein, dass immer mehr Familien ihren Wohlstand verlieren?
Denn dieses ist das Gefühl, das sich durch die gesamte gesellschaftliche Schicht zieht, die unterhalb der Oberschicht ist.

Man muss es genau so sagen: Die Angst vor Wohlstandsverlust hat in Südtirol den gesamten Mittelstand erfasst.

Ich habe im Gesetzgebungsausschuss diese Frage an den Landehauptmann gestellt. Er antwortete mir, dass es einen Unterschied gebe, zwischen dem echten Wohlstand und dem gefühlten Wohlstand (ein wenig wie bei der Sicherheit). Das mag schon stimmen, die Frage bleibt aber letztlich unbeantwortet – und die Proteste klassischer Mittelstandsberufe wie jener der Lehrpersonen oder des Gesundheitspersonals, sie zeigen auf, welch große Ängste und Frustrationen sich breit gemacht haben.

Der Landeshaushalt ist gestiegen, der Wohlstand der Menschen ist gesunken.

Da ist etwas wirklich schief gegangen, rund um die Inflation der letzten Jahre.
Und der Umverteilungsmechanismus, von dem ich eingangs sprach, muss sich verhangen haben.

Es wurde einiges versäumt.

Die zwei großen Themen des Wohlstandverlustes sind a) die Löhne und b) das Wohnen.

Beginnen wir mit dem Geld, den Löhnen, dem Wert der Arbeit.
2013, als LH Kompatscher seinen Dienst angetreten hat, und ich mit ihm, da drehte sich der gesamte Wahlkampf um die Arbeitslosigkeit.
Es scheint heute fast unvorstellbar, dass wir damals uns den Kopf darüber zerbrochen haben, wie man die Südtirolerinnen und Südtiroler in Arbeit kriegen kann.
Heute kein Thema mehr, wir haben Vollbeschäftigung und, anzi, Fachkräftemangel. Massenhaft wandern uns die jungen Akademiker:innen ins Ausland uns Restitalien ab.
Das Leben in Südtirol ist nicht mehr leistbar – und anderswo wohl auch interessanter, weltoffener und spritziger als bei uns.

Da kann uns der Sole 24 ore lange beste oder zweitbeste Lebensqualität attestieren.

Wir sind italienweit Spitzenplatz, was Reichtum und Konsum angeht. Wir haben die meisten Bankschalter, keine Arbeitslosigkeit, wenig Bankrotte und hohe Bankeinlagen.

Wir haben eine hohe Lebenserwartung, die höchste Geburtenrate in Italien, guten Hochwasserschutz und kaum Nebel.
Man kauft bei uns sogar noch Zeitungen, und man geht in Bibliotheken.
Man ist ehrenamtlich mehr engagiert als in 100 anderen Provinzen.

Wir haben aber auch ein schlechte Luftqualität (Platz 103), viel Drogenkonsum und Verkehrsunfälle, es herrscht ein sehr schlechtes Sicherheitsempfinden und wir sind auf der vorletzten Position in ganz Italien, was die Hausärzt:innen pro 10.000 Einwohner:innen angeht.

Die Daten zur Lebensqualität überraschen uns gar nicht, sie stimmen mit unserer Wahrnehmung überein.

Schauen wir noch einmal auf den ersten Indikator, die ricchezza.
Ja, Südtirol hat hohe Vermögenswerte, die höchsten Italiens.
Unser Immobilienvermögen beträgt stolze 167.000 Euro pro Kopf, das Gesamtvermögen beläuft sich auf 350.000 Euro pro Kopf.
Das AFI lädt aber ein, diese Vermögenswerte differenziert zu lesen, denn es sei, so das AFI, „die Vermögenskonzentration auf oberste Schichten sehr wahrscheinlich“.
Lange schon sagen Sozialpolitiker:innen in Südtirol, dass die Armutsstudie mit einer Reichtumsstudie ergänzt werden müsste, damit wir verstehen, wie der Wohlstand verteilt ist.
Vermutlich nicht sehr gerecht. So manche hässliche Neiddebatte gibt empirischen Hinweis genau darauf.

Mit einer Schuldenlast von 27.400 Euro pro Kopf liegen wir 10.000 Euro über dem staatlichen Durchschnitt.
56% der Südtiroler:innen sagen, dass für sie Sparen nicht möglich ist.
Der ff-Artikel von wenigen Wochen erzählte dramatische Geschichten von einem Mittelstand, der brutal unter Druck geraten ist. Von öffentlich Bediensteten, die mit 1.900 Euro alleinerziehend zwei Kinder aufziehen, von Schulwarten, die mit 1.000 Euro leben.
Im Land des Schifahrens sucht man sich inzwischen sehr genau aus, welcher der einzige Schisonntag der Saison sein wird; manch eine Südtirolerin setzt sich beim Pizzaessen mit den Freudinnen mit einem Glas Wasser dazu.

Die Frage, die sich in diesem Jahr immer öfter stellt, ist: Wie passt das alles zusammen?

Dieses Bild von der Pizzeria, wie passt das zu den Hochglanzbildern der happy people in der  IDM-Werbung, die vor der Kulisse der Dolomiten mit dem Weißweinglas anstoßen?

Eine Vorspeise in einem beliebigen Restaurant Südtirols kostet inzwischen an die 15 Euro (die Alten denken immer noch dran, dass das immerhin 30.000 Lire wären).
Es ist noch nicht so lange her, da kostete eine Pasta etwa die Hälfte.
Die Gehälter aber haben sich nicht verdoppelt, sie haben nicht einmal um einen Bruchteil zugelegt.

Die Lebensmittelpreise sind in 5 Jahren um 25% gestiegen.

Die Kaufkraft ist in den letzten 10 Jahren um 8% gesunken.

In Italien. Bei uns ist es sicher noch viel, viel schlimmer.

Zum Wohnen komme ich noch, aber weil wir bei den Teuerungen sind:

Nur im letzten Jahr sind die Wohnpreise (in 1 Jahr!) um 7% gestiegen (In Italien: 4,2%).

Da ist es kein Wunder, dass der Wohlstand wegbricht wie ein Stück Kreide, das auf den Boden fällt.

Hier gibt es Verantwortlichkeiten, die zu benennen sind.

Denn viel, viel zu spät hat man begonnen, die Nachzahlungen zum Inflationsausgleich aufzusetzen.

Wie lange stagnierten die Gehälter im öffentlichen Dienst! Da hat man lange einfach gar nichts getan.

Erst im Vorjahr hat man endlich die IRAP-Schraube angesetzt.

Und auch jetzt, was sind denn die 120 Millionen, die für die Kollektivverträge zur Verfügung gestellt werden, 1/80 des Landeshaushalts! Wir bewegen uns immer noch im Peanuts-Bereich.

Der zweite Bereich, der schwer wiegt auf einem schwindenden Wohlstand und ihn zugleich bedingt, ist das Wohnen. Es schlägt inzwischen mit 42% der Gesamtausgaben einer Familie in Südtirol arg zu Buche. Noch vor 20 Jahren lag dieser Wert bei 33% (das wäre der Wert, den die EU als Richtwert angibt).

Die Gemeinden mit Wohnungsnot (wir täten besser, sie Gemeinden mit Wohn-Not zu nennen, denn jede einzelne dieser Gemeinden hat Massen Wohnungen, davon viele leer stehend) sind von 6 im Jahr 2003 auf 21 im Jahr 2022 gestiegen.

Die Quadratmeterpreise erreichen in einzelnen Gemeinden Südtirols die Werte von Mailand und München. Kaufen ist unbezahlbar geworden. Die hypothetische Laufzeit für einen Wohnungskredit für eine mittlere Wohnung in Bozen/Gries dauert 65 Jahre.

Wir brauchen als Gegenwartsgesellschaft rasch das Angesparte oder auch Angehäufte der vorigen Generation auf. Es wird bald erschöpft sein, und wenn kein Erbe mehr als Ausgangspolster da ist, dann wird es gar nicht mehr möglich sein, eine Wohnung zu kaufen.

Bliebe der Mietmarkt, wenn er in Südtirol nicht seit langem und gewolltermaßen ein Stiefkind wäre. Die Politik der Regierungsmehrheit setzt seit Jahrzehnten aufs Eigenheim und hat mit viel öffentlichem Geld vielen mittelständischen Familien eine eigene Wohnung (privates Eigentum) ermöglicht.
Auch damit wurde ein enormes Vermögen im Lande aufgebaut, was in einem bestimmten Ausmaß auch als Umschichtung von Besitz verstanden werden kann – beim Mieten bleiben Besitz und Rendite ja immer in der Hand des Besitzers der Immobilie und der Mieter trägt zum Fruchten des Vermögens des Besitzers monatlich bei.
Neben diesen vielen Gründen, die für ein Eigenheim sprechen, gibt es zunehmend Notwendigkeiten fürs Mieten.
Nicht nur als Übergangslösung für junge Erwachsene, Zugezogene oder im Falle von „Familienumbau“ (Trennung, Wegzug oder Tod von mitwohnenden Familienmitgliedern), sondern immer mehr im Sinne von dauerhafter Wohnsituation, schlicht aus finanziellen Gründen.
Wenn die Rücklagen der Eltern aufgebraucht sind oder es keine solchen gibt, dann bleibt meist nur die Miete. In einer mobilen Gesellschaft mit viel Zuzug liegt hier eine immense Sprengkraft, sie scheint mir derzeit in keinem Teil der Wohnbaupolitik berücksichtigt. Dies nur nebenbei.

Die Wohnbaupolitik der letzten Jahrzehnte hat sich auf folgende Strategien aufgebaut:

  • Hilfe für soziale Notlagen, sozialer Wohnbau und Mietbeihilfen für finanziell sehr schwache Familien
  • Förderung des Eigenheims für den Mittelstand
  • Freier Wettbewerb auf dem Markt für alle anderen.

Vor allem was den freien Markt angeht, sind Tür und Tor für spekulative Teuerungen geöffnet.
Das schafft allein schon die Verknappung als Marktprinzip, gerade in einem Land mit wenig bebaubarer Fläche ist das vorhersehbar.
Dazu stagniert der öffentliche Wohnbau seit langem.
Einen kommunalen Wohnbau einzurichten hat man versäumt.
Der Wohnbau in Südtirol ist das genaue Gegenteil des Wiener Modells!
Ein Grundrecht auf Wohnen wurde denn auch stets, trotz vieler Versuche unsererseits, nie in eines der Wohnbaugesetze aufgenommen.
Landesrätin Mair versucht wacker, an einigen Stellschrauben zu drehen.

Dass gerade mal 1/60 des Landeshaushalts für den Wohnbau zur Verfügung gestellt wird, zeigt aber auch den Stellenwert, den man dieser sozialen Frage (Frage ersten Ranges!)  in der Landesregierung gibt.

Zur Umverteilung des gemeinsam eingezahlten Geldes, von dem ich vorher sprach: Von „meinen“ 1.350 Euro, meinem monatlichen Anteil am Landeshaushalt, gehen gerade einmal 22,5 Euro in den öffentlichen und sozialen Wohnbau. Das ist ein mittleres Mittagessen in einem Südtiroler Gasthaus.

Damit baut man keine Wohnsiedlungen und damit macht man schon gar keine größeren Reformen.

In die Preisspirale hat freilich der Tourismus und die Beliebtheit Südtirols als Zweit-, Ferien- und Luxuswohnsitz fast schon gewaltsam eingewirkt – auch dank kräftiger Befeuerung durch Werbemittel aus der öffentlichen Hand, und durch Großveranstaltungen, die uns in der ganzen Welt bekannt machen.

Der Tourismus, wir müssen es zur Kenntnis nehmen, ist vom Wohlstandsfaktor zum Teuerungsfaktor geworden.

Wenn heute die Vorspeise im Restaurant 15 Euro kostet, hat es auch mit dem Tourismus zu tun.
Von der Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt gar nicht zu reden.
Man versucht nun, Handbremsen zu ziehen.
Mit seinem radikalen GIS-Eingriff zur Kurzzeitvermietung ist Luis Walcher bauchgelandet (das Cover der Wirtschaftszeitung, wo er großspurig verkündete, 6.000 Wohnungen zurückzuholen, ich hatte es aufbewahrt, habe ich letzte Woche in den Papierkorb geschmissen).
Die als revolutionär verkaufte 100%-Konventionierung, schon ein Bluff an sich, hat sich bisher noch nicht als Entspannung auf dem Markt bemerkbar gemacht. Ein Teil der 700 Wohnungen, die etwa nur in Eppan leer stehen, gehören Auswärtigen. Sie tragen mehr zur Konkurrenz auf dem Wohnungsmarkt bei als zum Wohlstand im Dorf.

Das Land hat es verabsäumt, im Tourismussektor rechtzeitig bremsend einzugreifen, das ist in aller Deutlichkeit zu sagen. Die Jahre von Arno Kompatscher sind die Jahre, in denen sich die Hotellerie Südtirols ausgedehnt und zum Hochpreissegment entwickelt hat – mit entsprechenden Investitionen, mit Flächenfraß, mit Exzessen, die die einheimische Bevölkerung dazu führt, den Tourismus immer mehr als Feind des guten Lebens zu sehen. Im letzten Jahr sind Menschen gegen den Overtourism auf die Straße gegangen. Populistische Verzerrungen haben leichtes Spiel, wenn die Stimmung kippt.
Und sie kippt.

Es ist zu viel geworden. Es ist zu groß geworden. Es ist zu laut geworden. Es ist zu eng geworden.

Und für uns ist es zu teuer geworden. DAS ist die Wahrnehmung im Land, was den Tourismus angeht.

In seiner Haushaltsrede schwört uns der LH auf Olympia ein. Wir sind nun Olympialand! (S. 23 der Rede)
Obwohl alle Teilnehmenden und Gäste mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen sollten (Stichwort Nachhaltigkeit), steht am Rondell der Autobahnausfahrt in Neumarkt ein Willkommensschild.
Wahrscheinlich für die Busse.
Ich will jetzt gar nicht auf den „Nulltarif“-Sager des LH zurückkommen (ich nehme an, er wird das in den Reden der Kollegen noch oft genug hören), und ich würde auch den „Stoanerlen Mandlen“ den Status des Kunstwerks zugestehen.
Das sind die großen Aufreger um Olympia, ein Großevent, das sicher auch viel Begeisterung im Lande wecken wird.
Wir brauchen keine Miesepeter zu sein.
Wir können uns auch auf die Riggertalschleife freuen, wenn sie denn – in Verspätung – kommt.
Aber was bleibt von Olympia, und wem nutzt es, diese Frage muss man sich stellen.

Der Landeshauptmann sagt es selbst: „Millionen von Menschen weltweit werden unsere schöne Landschaft vor dem Fernsehgerät zu sehen bekommen, und Tausende Gäste und Sportlerinnen und Sportler unsere Gastfreundschaft kennen und lieben lernen. Es ist eine einmalige Chance, unser Land, unsere Leute, Kultur und Kompetenz der ganzen Welt zu zeigen.“ (S. 24)
Genau das.
Millionenfach werden die Bilder der Südtiroler Schneelandschaft um die Welt gehen, die Instagrammability Südtirols wird sich vervielfachen.
Ganz wunderbar.
Wie es den paar erbarmungswürdigen Orten Südtirols gegangen ist, nachdem ihr Kirchlein oder ihr See weltbekannt geworden sind, wissen wir.
Ich hoffe nur, dass der LH weiß, welche Geister er gerufen hat.
Einige davon ist man bekanntermaßen in der Literatur- aber auch in der Tourismusgeschichte nicht mehr los geworden.

Spannenderweise sind wir heuer nicht nur zum Olympialand mutiert, sondern auch – einfach so, selbsternannt! – zum ta-ta-ta-ta! – KLIMALAND! (S. 27, nach dem Olympialand). Ich hatte das so verstanden, dass wir darauf hinarbeiten, zum Beispiel auch mit dem Klimaplan, oder gar mit einem Klimagesetz (das man hat die Vereine schreiben lassen, anstatt sich selbst dazu ins Zeug zu legen!) – und dann, vielleicht irgendwann (ganz sicher nicht 2040  das wäre ja schon in 15 Jahren, und wir haben noch nicht mal die Trendumkehr geschafft!) klimaneutral zu werden.
Nachdem wir es schon sind, fahren nächstes Jahr sicher weniger LKW’s über den Brenner als heuer.
Der Biolandbau wird sich sicher um einige Prozent erweitert haben.
Oder vielleicht doch wieder nicht?

Indessen entnehmen wir der Haushaltsrede, dass sich die Klimastrategie im Wesentlichen auf den Energiesektor reduziert, und zwar weniger im Verbrauch, sondern vor allem in der Produktion, wo wir dank den groben und rücksichtslosen Eingriffen des italienischen Staates beim Wasserkraftsektor ja eh schon save sind.
Gut, wenn Wärmepumpen und PV gefördert werden, ich hoffe auch auf Ausweitung und Entbürokratisierung.
Gut ist auch der Ausbau der Schiene und die Aussicht auf komfortablere und umstiegsärmere Verbindungen.
Dass die in der Haushaltsrede minutiös aufgezählten Umfahrungen Voraussetzung sind für die Fahrt von emissionsfreien Fahrzeugen ist schon ein wenig barock argumentiert, Herr Landeshauptmann, lassen Sie sich das sagen.
Die vielen Umfahrungen sind notwendig geworden, nicht damit der emissionsfreie Bus da drüber brettern kann, sondern weil wir ein Autoland sind. Und weil wir ein Durchzugsland sind und weil wir 14 mal so viele Touristen wie Einheimische im Land haben, die immer weniger lang verweilen und zum Großteil mit dem Auto von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten düsen.

Im letzten August haben wir uns wahrscheinlich nicht als Klimaland gefühlt. Zuviel wurde im Stau im Pustertal geflucht. Wenn Sie am letzten Sonntag durch die Stadtzentren gingen, da sah es eher nach Disneyland aus als nach Klimaland.

Ja, beim Konsum sind wir Spitze, man merkt es. Dass das Benko-Raumschiff in Bozen gelandet ist, hat den Menschen sehr gefallen, sie sind es in Massen besuchen gegangen. Im heurigen November ging man nicht wellnessen oder nach Sharm-el-Sheik, sondern ins glitzernde, klimatisierte neue Zentrum der Stadt, und damit des Landes Südtirol. In diesem Hohen Haus ist das deshalb erwähnenswert, weil hier (vor unserer Zeit) die Weichen gestellt wurden für die nicht feindliche aber jedenfalls private Übernahme des Herzens der Landeshauptstadt. Die alte Handelsstadt Bozen hat ihr pulsierendes Herz in einen Konsumtempel verwandelt.

Ist das also unser Wohlstand, unsere Lebensqualität?

Der eingangs genannte World Happiness Report spricht vom Einfluss von Fürsorge und Teilen auf das Glück der Menschen. Fürsorge ist demnach ein „doppelter Segen“ – sie segnet sowohl diejenigen, die geben, als auch diejenigen, die empfangen. In unserem Land des Ehrenamts schafft das Hoffnung – es ist aber auch eine klare Ansage, dass das Glück viel eher aus den Beziehungen stammt, als aus dem Konsum.

Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir uns umeinander kümmern und miteinander teilen. Das vielleicht universellste Beispiel ist das gemeinsame Essen. Es nicht gut für das Wohlbefinden, alleine zu essen. Menschen, die häufig gemeinsam mit anderen essen, sind viel glücklicher als die alleine Essenden. Die steigende Zahl von Menschen, die alleine essen, ist ein Grund für das sinkende Wohlbefinden in vielen so genannten entwickelten Ländern, und, wie bei der Tagung zum Sozialkapital gesagt wurde, auch bei uns.

Und es sind nicht die alten Frauen (an die denkt man meist als erstes), sondern sehr oft sehr junge Menschen, die zunehmend alleine essen. Und immer mehr junge Menschen (19% weltweit) sagen aus, dass sie keine einzige Person haben, die sie in einem Notfall anrufen könnten. Auch bei uns.

Die Umfrage zum Sicherheitsempfinden, zeigt auf, dass dieses in Südtirol zurückgegangen ist. Die Landesregierung und die Gemeinden reagieren darauf mit mehr Polizei, mehr Videoüberwachung, mehr Streetworking. Prof. Tappeiner sagte bei der schon erwähnten Sozialkapitaltagung, dass in Südtirol auch im Vergleich mit Tirol und dem Trentino, ein allgemein sehr schwach ausgeprägtes Vertrauen feststellbar ist. Er führte es auf einen zweifachen Schock zurück, den Südtirols Bevölkerung in den letzten 100 Jahren erfahren hat: den Annexionsschock in der deutschen Sprachgruppe, und den Migrationsschock in der (weitgehend zugewanderten) italienischen Sprachgruppe.

Vielleicht sollten wir uns dem Thema des Vertrauens mehr zuwenden.

Gerade auch in unserem Land, das sich in einer großen Phase der Veränderung befindet, und das offensichtlich die großen Traumata des letzten Jahrhunderts noch nicht verarbeitet hat, entstehen momentan große Verunsicherungen. Ob das alles mit ein paar Streifenwagen, mit Videokameras am Dorfeingang und mit Nachbarschaftskontrollen auflösbar ist, wage ich zu bezweifeln.

Und wie war das mit der Brieftasche?

In der Studie zum Glücksreport wurde dem Vertrauen der Menschen ineinander nachgegangen. Wenn wir unsere Brieftasche verlieren, so sind wir sehr darauf angewiesen, dass uns andere (fremde) Menschen helfen, dass sie ehrlich sind, und dass uns die Brieftasche in irgendeiner Weise wieder zurückgegeben wird. („Wallet-dropping“) In vielen Ländern glauben die Menschen, dass sie die Brieftasche nicht zurückerhalten. Am höchsten ist das Vertrauen in die Ehrlichkeit und Redlichkeit der anderen Menschen in den nordischen Ländern. Interessant und wichtig ist allerdings, dass weltweit viel mehr Brieftaschen zurückgegeben werden, als es sich die Menschen erwarten. Ganz sicher ist das auch bei uns so.

Daher sage ich, wir sollten uns mehr dem Vertrauen widmen.

Das gewinnt man allerdings nicht, indem man Führungskräfte, die allgemein anerkannt sind, in einer Ferragosto-Aktion durch politische „Vertrauens“personen ersetzt (Ich wurde seit dem Rentenskandal 2014 nie so oft auf der Straße aufgehalten, von empörten und aufgebrachten Bürger:innen und vor allem Landesangestellten, wie nach der Ernennung von Florian Zerzer zum Abteilungsdirektor der Raumordnung. Es ging eine richtige Welle des Unverständnisses und, ja der Empörung durch das Land).

Das Vertrauen gewinnt man nicht, indem man schon wieder unabgesprochen eine neue jährliche Gehaltserhöhung für die Landtagsabgeordneten durch den Regionalrat peitscht.

Das Vertrauen gewinnt man nicht, wenn Abläufe, die Mitglieder der Landesregierung betreffen, nicht transparent und frei jeden Verdachts von Eigeninteresse abgewickelt werden (Stichwort Almhütte).

Das Vertrauen gewinnt man nicht, wenn man den Vizelandeshauptmann mit CasaPound marschieren lässt.

Das Vertrauen gewinnt man nicht, indem das Hauptthema der politischen Debatte über Monate die Ausscheidungen der Hundeviecher sind, und man am Ende bis heute nicht weiß, was zu tun ist.

Das Vertrauen gewinnt man nicht, wenn man Zugeständnisse an die einzelnen Interessensvertretungen macht, in der Hoffnung dass sie nicht entdeckt werden (Stichwort Klauberwohnungen)… und sie dann zurücknimmt, und so tut, als ob man nichts gewusst hätte.

Das Vertrauen gewinnt man vor allem nicht, indem man insgesamt eine Politik der Widersprüchlichkeit macht. Und da wende ich mich im Spezifischen direkt an den Landeshauptmann.

Im heurigen Jahr haben Sie die Überarbeitung der Autonomie vorangebracht, und somit ist für Sie die Zusammenarbeit mit Giorgia Meloni und ihrer Partei gerechtfertigt und hat sich bezahlt gemacht.

Es wird uns die Geschichte sagen, was richtig war.

Eines wissen wir jetzt schon: Dass Sie immer versuchen, gut dazustehen.
Sie machen den Linken vor den Linken (und wie gerne glaubt man Ihnen!) und den Konservativen vor den Konservativen.
Sie wollten eine Regionalregierung mit lauter Männern machen und haben das mit den überkreuzten Quoten gerechtfertigt, und dann waren Sie beleidigt, als wir Frauen das nicht durchgehen lassen wollten.
Sie zitieren Alexander Langer, als ob er Ihr Gedankengeber wäre – und dann posieren Sie mit Giorgia Meloni und Matteo Salvini. Ihre Parteifreunde organisieren sogar Abende zu Langer, und am Tag darauf proklamiert Ihre Partei Sprachtests für 4-Jährige.

Hören Sie auf mit diesem doppelten Spiel.

Sie können Südtirols Gegenwart damit ein wenig verwirren und einlullen. Die Geschichte wird Sie als das einordnen, das Sie sind: Als Entwickler der Autonomie vielleicht. Ganz sicher als Türöffner für die populistische, postfaschistische und rassistische Rechte in Südtirol.

Auch das ist das, was zu sagen ist, zu Vertrauen und Wohlstand, zu Sicherheit und zu den Werten, die uns lenken, wenn wir über die 9 Milliarden entscheiden, die in der Brieftasche Südtirols auf ihre Verteilung warten.

Author: Heidi

Il castello è in ve
Contrastare il caro
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