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Fragen & AntwortenFrage zur Bildungspolitik
Ulrike Mair asked 1 Jahr ago

Meine Frage ist eigentlich eine Kritik an der Bildungspolitik der Partei.  Vorweggenommen: Ich bin traditionelle Grünwählerin. Was die kommende Wahl betrifft, zweifle ich noch, ob ich auch diesmal die Grünen wählen werde. Ich unterrichte an einer deutschprachigen Schule in Bozen und bin sehr für Mehrsprachigkeit. Dennoch habe ich was den sogenannten Immersionsunterricht betrifft, Bedenken. Ich bin davon überzeugt, dass ein solches Bildungskonzept in der Realität einen enormen Niveauabfall sprachlicher und fachlicher Kompetenzen mit sich bringt. Menschen, die auch in ihrer Muttersprache ein niedriges Niveau haben, können sich mit Inhalten nur auf oberflächliche Weise auseinandersetzen. Dies gilt auch für politische Inhalte und erklärt meiner Meinung nach zum Teil auch den Erfolg populistischer Parteien (einfache Parolen auf komplexe Probleme) weltweit. Weiters bin ich überzeugt, dass in einer Schule mit Immersionsunterricht die jeweilige Mehrheitssprache durchsetzen würde (in Bozen also Italienisch, in Sterzing Deutsch). Ich würde mir von den Grünen wünschen so wichtige Fragen wie Bildung nicht nur durch die ideologische Brille zu betrachten, sondern realistisch und auch die Folgen mitzuberücksichtigen. Ich weiß,dass ich mit dieser Meinung nicht alleine bin.  Mit freundlichen Grüßen Ulrike Mair Ulrike Mair

admin Mitarbeiter antwortete vor 10 Monaten

Sehr geehrte Frau Mair,

vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Wir freuen uns immer, wenn Menschen sich die Zeit nehmen, uns zu schreiben und uns ihre Gedanken und Bedenken mitteilen.

In aller Kürze nur soviel: Es ist vollkommen richtig, dass die Kompetenzen in der Herkunftssprache Einfluss haben auf das Verständnis von komplexeren Texten, sei es was den Inhalt betrifft, als auch die Form. Das sollte zur Folge haben, dass wir ALLE Herkunftssprachen fördern.
Das wünschen wir Grüne uns auch.

Neben der Förderung der Herkunftssprachen wäre es notwendig, einen sog. sprachsensiblen Unterricht zu forcieren. Dies bedeutet, dass Sprache als Medium auch im Sach-/Fachunterricht systematisch thematisiert und berücksichtigt werden muss. Dazu braucht es natürlich eine grundlegende Aus- bzw. Weiterbildung der LehrerInnen (was ja teilweise bereits erfolgt).

Systematische Sprachförderung – auch im Sinne des sprachsensiblen Unterrichts – fördert die sprachlichen Kompetenzen aller SchülerInnen, es profitieren sowohl die Nicht-MuttersprachlerInnen als auch die MuttersprachlerInnen. Dies ziegen auch wissenschaftliche Studien.
Ein Niveauabfall ist bei kompetentem Umgang mit verschiedenen Herkunftssprachen nicht der Fall. Diesbezüglich möchten wir Sie gerne auf die Publikationen von Prof. Ingrid Gogolin vom Kompetenzzentrum Förmig in Hamburg hinweisen. Es gibt auf der Homepage https://www.foermig.uni-hamburg.de/bildungssprache.html zahlreiche interessante Hinweise und Links zum Thema.

Viele Pflichtschulen in größeren städtischen Zentren weisen auch in Südtirol schon eine große Mischung von Herkunftssprachen in den Klassen auf.
Wenn nun jene Sprachen, welche die Kinder/Jugendlichen bereits mitbringen, gewertschätzt werden, etwa durch den (sprachsensiblen) Unterricht in verschiedenen Sprachen/Fächern, ist das ein Vorteil für diese SchülerInnen, aber auch für jene mit Herkunftssprache Deutsch (siehe dazu die Debatte zur “Bildungssprache”).

Diese Wertschätzung würde in einer mehrsprachigen Schule notgedrungen zum Alltag gehören. Das ist wichtig.

Jene Kinder/Jugendlichen, die bereits mehrsprachig sind, würden in ihrer Mehrsprachigkeit gewertschätzt werden, die sie weiter ausbauen und vertiefen könnten (ohne sie verstecken oder unterdrücken zu müssen, wie es heute leider oft passiert). Jene Kinder/Jugendlichen, die es noch nicht (so sehr) sind, könnten durch den sprachsensiblen Unterricht, vor allem aber durch den Kontakt mit den anderssprachigen MitschülerInnen jene “Mikrosprache” erlernen und ausbauen, die eine tatsächliche Mehrsprachigkeit ausmacht.
Die mehrsprachige Schule wäre also ein Ort, wo das Zusammenleben zwischen verschiedensprachigen Menschen im Alltag ermöglicht, ausprobiert und vertieft werden könnte. Dabei sollte die Verschiedenheit beibehalten werden. Die Herkunftssprachen ändern sich ja nicht durch die Unterrichtssprachen.

Was die mögliche “Dominanz” einer Sprache betrifft, müsste dies klar benannt werden und es müsste zwischen allen Beteiligten (LehrerInnen, SchülerInnen, Eltern, Schul- und Verwaltungspersonal) “ausgehandelt” bzw. ein Konsens gefunden werden, wie damit umgegangen wird.

Das Thema ist natürlich sehr komplex und via Email ist es nur möglich, es kurz anzureißen. Wir würden uns aber freuen, wenn es uns gelungen wäre, Sie etwas neugierig zu machen. Gerne würden wir Sie auch zu einem Plausch einladen. Bitte melden Sie sich, falls Sie Lust dazu hätten.

Nochmals vielen Dank für Ihre Rückmeldung.

Mit freundlichen Grüßen,

Corinna Lorenzi, Co-Sprecherin der Bozner Grünen und Mitorganisatorin des Flash Mob