{"id":31468,"date":"2021-09-28T12:18:27","date_gmt":"2021-09-28T10:18:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.verdi.bz.it\/?p=31468"},"modified":"2022-07-28T12:19:00","modified_gmt":"2022-07-28T10:19:00","slug":"richtlinien-fuer-ein-sytematisches-pestizdid-monitoring","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdi.bz.it\/it\/richtlinien-fuer-ein-sytematisches-pestizdid-monitoring\/","title":{"rendered":"\u201eRichtlinien f\u00fcr ein Sytematisches Pestizdid-Monitoring\u201c"},"content":{"rendered":"<p>LANDESGESETZENTWURF.<\/p>\n<p>Hier der vollst\u00e4ndige <a href=\"http:\/\/www2.landtag-bz.org\/documenti_pdf\/idap_627420.pdf\">Gesetzentwurf<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Einleitung und Problembeschreibung<\/strong><\/p>\n<p>Laut einer k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Studie von Gobal 2000<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> werden \u201ein der Europ\u00e4ischen Union j\u00e4hrlich etwa 400.000 Tonnen Pestizide eingesetzt\u201c, um landwirtschaftliche Kulturen vor Insekten und Spinnentiere, Pilze und Bakterien oder Konkurrenz durch sogenanntes Unkraut zu sch\u00fctzen. Es gibt verschiedene Methoden, um diese Pestizide auszubringen. Die h\u00e4ufigste Anwendung ist das Spr\u00fchen.<\/p>\n<p>Die ausgebrachten Pestizide erreichen nicht nur ihre Zielfl\u00e4chen, sondern landen auch auf Nicht-Zielfl\u00e4chen wie Wohngebieten, Kinderspielpl\u00e4tzen, Privatg\u00e4rten, Bio- und Naturschutzfl\u00e4chen. Dass es aufgrund von Lokalwindsystemen, Thermik oder unsachgem\u00e4\u00dfer Ausbringung zur Abdrift von chemisch-synthetischen Pestiziden kommt, haben mittlerweile eine Reihe von Messkampagnen f\u00fcr S\u00fcdtirols Obst- und Weinbaugebiete bewiesen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Das Problem der Abdrift von chemisch-synthetischen Pestiziden ist auf europ\u00e4ischer Ebene bereits vor Jahren durch die Verordnung (EG) Nr. 1107\/2009 angegangen worden. In dieser Verordnung werden explizit sensible Gebiete genannt, die vor der Abdrift von chemisch-synthetischen Pestiziden zu sch\u00fctzen sind: dazu z\u00e4hlen Wohngebiete, \u00f6ffentliche Parks und G\u00e4rten, Sport- und Freizeitpl\u00e4tze, Schulgel\u00e4nde und Kinderspielpl\u00e4tze sowie Gebiete in unmittelbarer N\u00e4he von Einrichtungen des Gesundheitswesens.<\/p>\n<p>In S\u00fcdtirol werden laut ISTAT-Jahresbericht<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> j\u00e4hrlich rund 45 kg pro Hektar aktiver Wirkstoffe auf den Obst- und Weinbaufl\u00e4chen ausgebracht, wobei immer laut ISTAT im Jahr 2018 \u00fcber 1.000.000 kg aktiver Wirkstoffe zum Einsatz kamen. Diese Werte sind im nationalen und internationalen Vergleich extrem hoch (ISTAT-Tabelle-2018):<\/p>\n<p><a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-29757 size-full\" src=\"https:\/\/www.verdi.bz.it\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/ISTAT-Tabelle-2018-Pestizidmonitoring.png\" alt=\"\" width=\"510\" height=\"299\" srcset=\"https:\/\/www.verdi.bz.it\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/ISTAT-Tabelle-2018-Pestizidmonitoring.png 510w, https:\/\/www.verdi.bz.it\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/ISTAT-Tabelle-2018-Pestizidmonitoring-300x176.png 300w\" sizes=\"(max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/p>\n<p>Chemisch-synthetische Pestizide bergen sowohl in ihrer Anwendung auf Zielfl\u00e4chen als auch als Niederschlag auf Nicht-Zielfl\u00e4chen Risiken f\u00fcr die menschliche Gesundheit, f\u00fcr die Gesundheit der Nutztiere und f\u00fcr die Populationsentwicklung wildlebender Tiere und Pflanzen.<\/p>\n<p>Eine soeben ver\u00f6ffentlichte Studie<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> des Nationalen Instituts f\u00fcr Gesundheit und medizinische Forschung in Frankreich (INSERM) besagt, dass der Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Pestiziden und bestimmten Erkrankungen immer deutlicher erkennbar wird. Das staatliche Forschungsinstitut hatte bereits im Jahr 2013 eine \u00e4hnliche Studie durchgef\u00fchrt, die in Frankreich als Referenz bei der Anerkennung von Berufskrankheiten von Landwirt:innen gilt. Nun legt das INSERM mit einer neuen und umfangreichen Studie neue Erkenntnisse vor, die besorgniserregend sind. Zusammenfassend besagt die Studie, dass der Zusammenhang zwischen dem Ausbruch von Krankheiten und dem Kontakt mit gewissen Pestiziden gr\u00f6\u00dfer sei als bisher angenommen. Menschen, die regelm\u00e4\u00dfig und \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum gewissen Pestiziden ausgesetzt sind, haben ein erh\u00f6htes Risiko zu erkranken.<\/p>\n<p>Dass es aber neben der Risikogruppe der Landwirt:innen auch andere Bev\u00f6lkerungsgruppen treffen kann, hat die soeben aufgelegte Studie von Global 2000 treffend dargelegt. In 21 EU-Staaten wurden in der Umgebung von pestizidintensiven Kulturen Proben von Hausstaub auf Pestizidr\u00fcckst\u00e4nde hin untersucht.<\/p>\n<p>Alle gezogenen Stichproben waren mit Pestiziden belastet. Der Durchschnittswert lag bei 8 und der Maximalwert bei 23 Pestizidwirkstoffen je Probe. Jede vierte Probe enthielt Pestizide, die bei der Europ\u00e4ischen Chemikalienagentur EChA als m\u00f6glicherweise krebserregend eingestuft sind. In 80 Prozent der Schlafzimmerproben waren Wirkstoffe nachweisbar, die im Verdacht stehen, die menschliche Fortpflanzung zu sch\u00e4digen.<\/p>\n<p>Insektenkundler:innen schlagen seit Jahren Alarm, weil europaweit ein dramatischer R\u00fcckgang an Insekten wie Wildbienen und Schmetterlingen zu beobachten ist. Auch f\u00fcr S\u00fcdtirol wurden in mehreren wissenschaftlichen Publikationen der R\u00fcckgang von Insekten dokumentiert und in den meisten F\u00e4llen wurde als Ursache die intensive Landwirtschaft und die Abdrift von chemisch-synthetischen Pestiziden angef\u00fchrt.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Nicht umsonst hat sich die EU im Rahmen des New Green Deal das Ziel gesetzt, das Risiko des Pestizideinsatzes bis 2030 drastisch zu reduzieren.<\/p>\n<p>All diese wissenschaftlichen Informationen deuten auf eine <strong>schleichende Krise<\/strong> hin, die auf die Ausbringung von chemisch-synthetischen Pestiziden zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Um die Bewertung des Themas auf eine solide Datenbasis zu stellen, fehlen aber in viele F\u00e4llen nachvollziehbare und vergleichbare Messungen. Deshalb schlagen wir mit vorliegendem Gesetzesentwurf ein Systematisches Pestizid-Monitoring vor.<\/p>\n<p><strong>Systematisches Pestizid-Monitoring als L\u00f6sungsvorschlag<\/strong><\/p>\n<p>Bereits in der Vergangenheit wurden von verschiedenen Akteuren Messkampagnen gestartet, um eine Vorstellung von der Abdrift der chemisch-synthetischen Pestizide zu erhalten. Die Umweltschutzgruppe Vinschgau, das M\u00fcnchner Umweltinstitut, PAN-Italia, der S\u00fcdtiroler Sanit\u00e4tsbetrieb und die Landesverwaltung haben Daten gesammelt oder tun dies immer noch. Viele unterschiedliche Akteure haben eine inhomogene Datenlage generiert, die oftmals weder zeitlich noch r\u00e4umlich vergleichbar ist.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund &#8211; und im Wissen, dass die Abdrift chemisch-synthetischer Pestizide ein breites Ph\u00e4nomen ist, schlagen wir mit vorliegendem Gesetzesentwurf die Einf\u00fchrung eines Systematischen Pestizid-Monitorings vor. Nachvollziehbare und wiederholbare Daten sollen in Zukunft der Wissenschaft und allen Interessierten zur Verf\u00fcgung gestellt werden, um das Risiko f\u00fcr die menschliche Gesundheit, f\u00fcr Nutztiere und f\u00fcr die Umwelt nach neutralen Kriterien ermitteln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Mit Art. 1 wird ein landesweites Systematisches Pestizid-Monitoring eingef\u00fchrt, welches von der Umweltagentur der Autonomen Provinz Bozen betrieben werden soll.<\/p>\n<p>Das Systematische Pestizide-Monitoring verfolgt den Zweck (Art. 2), das durch chemisch-synthetische Pestizide verursachte Risiko f\u00fcr Mensch, Tier und Umwelt zu ermitteln.<\/p>\n<p>In Art. 3 wird definiert, was unter \u201eSensiblen Gebieten\u201c und was unter \u201eGebieten von \u00f6kologischer Bedeutung\u201c zu verstehen ist.<\/p>\n<p>Nachdem es bereits ein funktionierendes Pestizid-Monitoring der Lebens- und Futtermittel sowie der Grundwasserk\u00f6rper gibt, werden diese Bereich vom vorliegenden Gesetzesentwurf ausgeschlossen (Art. 4).<\/p>\n<p>Die Artikel 5 bis 8 beschreiben im Detail die Monitoringsysteme sowie die Methoden der Probenentnahme und der Laboranalysen, mit denen chemisch-synthetische Pestizidr\u00fcckst\u00e4nde in der Luft, auf der Vegetation und im Boden erhoben werden sollen. Die Methodik bezieht sich auf derzeit g\u00fcltige wissenschaftliche Gepflogenheiten.<\/p>\n<p>Die gemessenen Rohdaten m\u00fcssen in entsprechender Art und Weise aufbereitet und zug\u00e4nglich gemacht werden. Als Hauptkunden gilt die Wissenschaft als auch interessierte oder betroffene B\u00fcrger:innen (Art. 9).<\/p>\n<p>Der Gesetzesentwurf endet mit Art. 10 (Finanzbestimmungen) und Art. 11 (Inkrafttreten).<\/p>\n<p><strong>Umsetzung des Systematischen Pestizid-Monitorings<\/strong><\/p>\n<p>Federf\u00fchrend soll die Umweltagentur der Autonomen Provinz Bozen sein. Die Umweltagentur verf\u00fcgt \u00fcber ausgezeichnetes wissenschaftliches Personal und \u00fcber die notwendige Laborkapazit\u00e4t. Sie kann sich jedoch bei Bedarf auch an andere Landesabteilungen oder an den Sanit\u00e4tsbetrieb wenden. \u00dcber den Weg der Amtshilfe sollte es m\u00f6glich sein, das Systematische Pestizid-Monitoring f\u00fcr S\u00fcdtirol aufzuziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Bozen, 27.09.2021<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Einbringer<\/p>\n<p>Landtagsabgeordnete<\/p>\n<p>Hanspeter Staffler<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Pestizide im Schlafzimmer. Stichprobenuntersuchung von Hausstaub aus 21 EU-Staaten. IMPRESSUM: Medieninhaberin, Eigent\u00fcmerin und Verlegerin: Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000, Neustiftgasse 36, 1070 Wien, Tel. (01) 812 57 30, E-Mail: office@global2000.at, www.global2000.at, ZVR: 593514598, Autoren\/F\u00fcr den Inhalt verantwortlich: Helmut Burtscher-Schaden (GLOBAL 2000), Martin Dermine (PAN Europe) Redaktion: Carin Unterkircher, Layout: Evelyn Knoll (GLOBAL 2000).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Linhart\u00a0et\u00a0al. Environ Sci Eur (2021) 33:1 <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1186\/s12302-020-00446-y\">https:\/\/doi.org\/10.1186\/s12302-020-00446-y<\/a>; Linhart\u00a0et\u00a0al. Environ Sci Eur (2019) 31:28<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1186\/s12302-019-0206-0\">https:\/\/doi.org\/10.1186\/s12302-019-0206-0<\/a>; Pestizidstudie 2017. Hrsg.: Dachverband f\u00fcr Natur- und Umweltschutz, Bozen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> ISTAT-Annuario dei dati ambientali \u2013 2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Grafik aus ISTAT-Annuario dei dati ambientali \u2013 2018.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> INSERM: Pesticides et effets sur la sant\u00e9. Nouvelles donn\u00e9es \u00a9 \u00c9ditions EDP Sciences, 2021.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Tarmann G. (2020): Vergleich der historischen und aktuellen Verbreitung von Chazara Breis (Nymphalidae) und Zygaenidae (Lepidoptera) im oberen Vinschgau (S\u00fcdtirol, Italien) zeigt ein komplettes Verschwinden der Zygaenidae in talnahen Gebieten. ResearchGate.<\/p>\n<p>Hilpold A. et al. (2017): Rote Liste der gef\u00e4hrdeten Fang- und Heuschrecken S\u00fcdtirols (Insecta: Orthoptera, Mantodea). Gredleriana, vol. 17\/2017.<\/p>\n<p>L\u00f6sch B. et al. (2018): (Rote Liste der Libellen S\u00fcdtirols (Insecta: Odonata). Gredleriana, vol. 18\/2018.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>LANDESGESETZENTWURF. Hier der vollst\u00e4ndige Gesetzentwurf. Einleitung und Problembeschreibung Laut einer k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Studie von Gobal 2000[1] werden \u201ein der Europ\u00e4ischen Union j\u00e4hrlich etwa 400.000 Tonnen Pestizide eingesetzt\u201c, um landwirtschaftliche Kulturen vor Insekten und Spinnentiere, Pilze und Bakterien oder Konkurrenz durch sogenanntes Unkraut zu sch\u00fctzen. 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